Wie erkenne ich Burnout bei einem Mitarbeiter oder Kollegen?

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Antwort von Klaus Steuding
Geschäftsführer 10minutes AG, Mettmann

Burnout ist die letzte Phase eines Entwicklung, in die man sich zuvor über viele Monate, ggf. Jahre hineingearbeitet hat. Wer versteht, wie es dazu kommt, kann bereits früher aktiv gegensteuern.

Am Anfang steht das Gefühl des Erfolgs, dass sich das überdurchschnittliche Engagement ausgezahlt hat und die Karriere voran kommt. Unser Gehirn überschüttet unser Belohnungszentrum mit einem Cocktail hochwirksamer Botenstoffe, die den Wunsch nach mehr wecken und uns die körperliche Anstrengung kurzzeitig verdrängen lassen. Man "brennt" für seine Sache, treibt sich selbst zu noch höheren Leistungen an, fühlt sich unentbehrlich und will alles möglichst perfekt machen. Für Erholungsphasen und Entschleunigung ist keine Zeit und gefühlt auch kein Bedarf.

Doch wer seine Akkus nicht wieder auflädt, kann auf Dauer auch keine Höchstleistungen bringen. Typische Warnsignale des Körpers zeigen sich im Herz-Kreislauf-System, dem Magen-Darm-Trakt, in Muskelverspannungen und im Immunsystem.

Wenn die Erfolge ausbleiben, lässt die Freude an der Arbeit schnell nach - das eigene Streben nach Perfektion jedoch nicht. Und so wird der persönliche Einsatz noch mehr verstärkt und der innere Druck steigt. Mehr Härte gegen sich selbst soll die alten Erfolge zurück bringen. Man arbeitet noch länger, übernimmt noch mehr Aufgaben und nimmt Arbeit mit nach Hause. Das geht schnell auf Kosten der eigenen körperlichen und psychischen Bedürfnisse. Man vernachlässigt Familie, Freunde, Hobbies und Freizeit und bekommt als Feedback, man sei "mit seinem Beruf verheiratet" oder oft nur noch physisch anwesend, beteiligt sich aber innerlich nicht mehr.

Ratschläge von Freunden und Kollegen werden als Kritik empfunden und abgelehnt. Man kapselt sich immer mehr ab, fühlt sich unverstanden. Gereiztheit und Zynismus nehmen ebenso zu, wie der Tunnelblick, durch den der Beruf noch mehr im Mittelpunkt steht. Machtlosigkeit und Resignation breiten sich immer mehr aus. Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit lassen nach. Man macht immer häufiger Fehler, und einfache Entscheidungen zu treffen fällt immer schwieriger. Das Selbstwertgefühl sinkt und die Angst zu versagen wird immer größer. Schlafprobleme und Erschöpfungssymptome wie Kreislaufschwierigkeiten und Herzrasen treten häufig auf. Nächtelanges Grübeln und Verzweiflung verhindern gesunden Schlaf. Man möchte dem allen einfach einfach nur entfliehen.

Das Gefühl für sich selbst und für sein Umfeld verblasst immer mehr. Man fühlt sich wie "abgestorben", wie "eine Maschine, die nur noch funktioniert". Die innere Leere wird immer schmerzhafter und unerträglicher. Apathie und Selbstaufgabe sind die Folge. Es kann ebenso zu Selbsthass und Selbstmordgedanken kommen. Psyche und Körper machen nicht mehr mit, es kommt zum seelischen Infarkt, zum Burnout. Die ärztliche Diagnose dafür klingt ziemlich harmlos: "nervöser Erschöpfungszustand", "depressive Verstimmung", "unklares Müdigkeitssyndrom" usw. Meist bleibt es aber nicht dabei, denn aufgrund der ausbleibenden Erfolge hat unser Unterbewusstsein während dieser Zeit Strategien entwickelt, um Ersatzbefriedigungen für unser Belohnungszentrum zu bieten und "abschalten zu können": Alkohol, Pharmaka, Essen, Fernsehen, shoppen, … deren Nebenwirkungen hinterlassen meist drastische Spuren in unserem Körper. Hinzu kommen die Verhaltensmuster, die überhaupt erst zu dem ganzen Dilemma geführt haben.

All diese Entwicklungsstadien werden sicherlich nicht bei jedem in aller Intensität und nicht zwangsläufig in dieser Reihenfolge durchlaufen. Meist bremsen die körperliche Auswirkungen den Verlauf schon vorher aus.

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Antwort von Detlef Gumze
Geschäftsführer Gumze Leadership UG, Tutzing
Das ist schwer, weil es kein einheitliches Symptombild gibt. Beginnender Burnout ist im Prinzip völlig identisch mit den Phasen einer voll engagierten (oder total gelangweilten) Person. Die weit verbreitete Meinung, dass der Stress am Arbeitsplatz der Hauptauslöser ist, stimmt nach meiner Erfahrung nicht. Es ist vielmehr ein Multifaktoren Problem. Wenn also an zu vielen Fronten gleichzeitig Feuer brennt. Das allerdings kann man schon erkennen. Verhaltensänderungen sind dann typisch wie etwa sozialer Rückzug, extreme Überstunden, ständige Erreichbarkeit, KEINE Pausen und Entspannungsphasen mehr, Überkompensation durch Genussmittel, vermehrte Fehler, Aggressivität usw. Doch VORSICHT: Das sind nur Warnsignale – eine genaue Diagnose ist damit nicht möglich. Es gibt Online-Tests, die eine bessere (Selbst-)Einschätzung ermöglichen. Suchen Sie in jedem Fall das Gespräch unter vier Augen.
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Antwort von Dr. Dagmar Ruhwandl
Ärztin, Lehrbeauftragte der TU München Erfolgreich ohne auszubrennen, München

Burnout bei einem Mitarbeiter oder Kollegen erkennt man am ehesten, wenn man beobachtet, wie der Kollege aus Regenerationgzeiten wiederkommt. Ist eine gute Regeneration am Wochenende oder durch einen Urlaub noch möglich, ist der Mitarbeiter noch regenerationsfähig und daher nicht ausgebrannt.

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Antwort von Dr. Wolfgang Seifert
Arzt, Psychotherapie (VT), Burnout-Experte SeifertCoaching, Berlin

Nachlassendes Engagement, emotionale Instabilität, Rückzug, Fehlzeiten, Minderleistung, Depressivität, Signale von Alkohol- oder anderem Mißbrauch.

Meist bei vormals engagierten Mitarbeitern.



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