Wie kann man Mitarbeiter für ihre eigene Gesundheit sensibilisieren?

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Foto von Silka Strauss
Antwort von Silka Strauss
Eigner STRAUSS MEDIATION, München

Hallo,

es fallen mir einige Möglichkeiten ein:

  • In der Kantine Folder auslegen
  • Am schwarzen Brett
  • Über den Betriebsrat eine Informationsstunde mit einem Arzt anbieten
  • In der Mitarbeiterzeitschrift einen Artikel schreiben
  • Zu offiziellen Gesundheitstagen der Stadt München Eintrittskarten verschenken oder verlosen
  • Bei der nächsten Betriebsversammlung die Sozialberatung oder vom Sozialsusschuss einen Vortrag darüber halten
  • Eine Sportgruppe bilden, die morgens oder abends  zusammen läuft. Punkte vergeben und Sieger krönen

Vielleicht regen meine Ideen zu eigenen an.

Beste Grüße

Silka Strauss

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Antwort von Ute Albrecht
Bewerbungsberaterin / Jobcoach, Seesen

Lieber Fragesteller,

aufgrund meiner Beratungserfahrung kann ich Folgendes antworten:

Fakt ist, dass alle Maßnahmen, die den MA top-down verordnet werden, ins Leere laufen. Im Unternehmen muss grundsätzlich eine Kultur herrschen, in dem den Mitarbeitern klar ist, dass ihre Gesundheit wichtig ist und dass sie, wenn sie krank sind, sich auch krankmelden dürfen, ohne danach  inquisitorisch befragt zu werden, warum das schon wieder sein musste und ob die Krankmeldungen nicht zu häufig seien, als ob ihnen unterstellt wird, ein Drückeberger zu sein. Dann ist nämlich Präsentismus ein Thema.

Es ist wichtig, nach den Ursachen zu forschen. Woran liegt es denn, dass Mitarbeiter ihre Gesundheit nicht wichtig nehmen? Sie nehmen sich selbst nicht wichtig, weil ihnen auch immer wieder gespiegelt wird, dass sie nicht wichtig seien und dass sie jederzeit ausgetauscht werden können, wenn sie nicht funktionieren.

Wenn der Mensch nicht als Mensch gesehen wird, sondern lediglich als Objekt zum Delegieren, zum Anschreien, zum Maßregeln, zum Unterstellen von Fehlern, zum Ignorieren, zum Missachten von Engagement, zur Verweigerung von Respekt und Wertschätzung, dann ist es kein Wunder, wenn er permanent Angst hat, nicht gut genug zu sein und gefeuert zu werden. Da er eine Familie zu ernähren hat und nicht bei Hartz IV landen will, reißt er sich zusammen, bis der Arzt kommt, geht auch krank zur Arbeit, macht Überstunden und ist so damit beschäftigt, es den Chefs Recht zu machen, dass er überhaupt keine Zeit mehr dazu hat, regelmäßig Sport zu treiben und sich gesundes Essen zu kochen - zumindest denkt er es, weil die TA-Antreiber "Mach es mir recht" und "Streng dich an" und "Sei stark" bis zum Anschlag gefördert werden. Die Firma ist dann alles und die eigenen Bedürfnisse nichts.

Diese Denke führt Mitarbeiter ins Burnout. Wenn zusätzlich das Burnout individualisiert und nicht einmal darüber nachgedacht wird, ob es nicht sein könnte, dass die Unternehmenskultur ein Verhalten, das ins Burnout führt, noch fördert, sondern es so gedreht wird, dass derjenige mit dem Burnout eben "neurotisch" und "nicht belastbar" sei, dann ist das eine Aufforderung für Mitarbeiter, ihre Gesundheit zu missachten, weil sie kein "neurotischer" Problemmitarbeiter sein wollen.

Wenn es gelingen soll, Mitarbeiter für ihre Gesundheit zu sensibilisieren, muss sich das Menschenbild im Unternehmen ändern. Mitarbeiter müssen als erwachsene Menschen gesehen werden, die von sich aus motiviert sind und etwas zum Erfolg des Unternehmens beitragen möchten, die sich dazu auch ihre eigenen Gedanken machen und nicht wie Kinder in der Trotzphase, die nicht das wollen, was sie sollen und durch Sanktionen dazu gezwungen werden.

Als Führungsaufgabe wird oft das Motivieren von Mitarbeitern gesehen, als seien sie von Natur aus faul und dumm, müssten dann also in den Allerwertesten getreten werden, damit sie etwas tun.

Meine Ansicht dazu ist Folgende: Hört auf, Mitarbeiter zu motivieren und hört vor allem auf, sie zu demotivieren. Schon die Abwesenheit von Demotivationsfaktoren fördert positive Energie. Achtet auf die Stimmung im Betrieb.

Ich denke, dass in Unternehmen ein Klima der Potenzialentfaltung herrschen sollte, in dem die Mitarbeiter wachsen können. Die Leute, die wollen und können, müssen auch dürfen. Leute, die wollen und noch nicht können, müssen gefördert werden. Leute, die nicht wollen und nicht können und andere, die wollen und können, durch Mobbing daran hindern, sind zu entlassen.

Null Toleranz bei Mobbing wäre da angebracht. Da hilft es nicht, ganz lieb zu sagen „Ich wünsche mir, dass du dein Verhalten änderst“, sondern es ist Klartext reden und konsequentes Handeln angesagt.

Erst dann sind die Rahmenbedingungen dafür vorhanden, dass Mitarbeiter für ihre Gesundheit sensibilisiert sind. Es könnte dann sogar sein, dass man sie dafür nicht mehr sensibilisieren muss, weil sie es von alleine wollen.

Die Gesundheitsmaßnahmen sollten gemeinsam von allen erarbeitet werden, z. B. durch einen Ideenwettbewerb zu Themen wie Bewegung und Ernährung, wie man das in den Arbeitsalltag integrieren kann. Vor allem sollte man zeigen, dass ein gesunder Lebensstil kein asketischer Spaßbremsenlebensstil ist, sondern dass man dabei auch Spaß hat und es Lust macht.

Das waren meine 5 Cents dazu.

Herzliche Grüße,

Ute Albrecht

PS: TA ist die Abkürzung für Transaktionsanalyse.

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Foto von Othmar Loser-Kalbermatten
Antwort von Othmar Loser-Kalbermatten
Inhaber, Emmenbrücke

Wenn man selber ein gutes Beispiel ist und seine eigene Gesundheit ernst nimmt. Und sich auch mal abgrenzt und sagt, wenn etwas nicht geht oder es zu viel ist. Damit legt man die Basis, dass betriebliches Gesundheitsmanagement nicht nur eine leere Worthülse ist. 



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